Veröffentlicht am 07.01.2026 19:07

Aufstieg und Fall des TSV 1860 München

Filmisches Portrait: Rise & Fall des TSV 1860 München.. (Symbolbild: A. Seeler)
Filmisches Portrait: Rise & Fall des TSV 1860 München.. (Symbolbild: A. Seeler)
Filmisches Portrait: Rise & Fall des TSV 1860 München.. (Symbolbild: A. Seeler)
Filmisches Portrait: Rise & Fall des TSV 1860 München.. (Symbolbild: A. Seeler)
Filmisches Portrait: Rise & Fall des TSV 1860 München.. (Symbolbild: A. Seeler)

Den Autoren der ARD-Doku „Rise & Fall” über den TSV 1860 München ist ein treffendes Sittengemälde des Klubs gelungen. Seit zehn Wochen ist der Beitrag in der ARD-Mediathek abrufbar. Die Abrufzahlen dürften die Erwartungen des Senders übersteigen. Die fünfteilige Serie von Lennart Bedford-Strohm, Robert Grantner, Christoph Nahr und Max Stockinger erzählt  mit Stimmen verschiedenen Protagonisten aus den 60er-, 90er- und 2000er-Jahren unter anderem vom sportlichen Durchmarsch von der Bayern- in die Bundesliga während der Präsidentschaft Karl-Heinz Wildmosers, der ewigen Sehnsucht der Fans nach dem Grünwalder Stadion und der für den Klub fatalen Zeit in der Allianz Arena, die mit dem Einstieg des ersten arabischen Investors in der Bundesliga-Geschichte und dem anschließenden Absturz in die Regionalliga endete.

Um der gelungenen Dramaturgie ihrer Produktion willen nehmen es die Macher dabei mit den historischen Fakten nicht immer allzu genau. So wird etwa ein verschossener Strafstoß von Francis Kioyo eine Minute vor dem Schlusspfiff am vorletzten Spieltag gegen Hertha BSC im Münchner Olympiastadion im Film zum entscheidenden Ereignis im Bundesliga-Abstiegsjahr 2004 stilisiert. Gefühlt mag das Jahrzehnte später in der Nachbetrachtung so gewesen sein – auch für den verhinderten Torschützen. Tatsache ist jedoch: Selbst bei einem Erfolg über die Berliner hätte der TSV 1860 München einen weiteren Sieg am letzten Spieltag bei Borussia Mönchengladbach benötigt und zugleich auf eine Niederlage des 1. FC Kaiserslautern gegen Borussia Dortmund hoffen müssen. Beides trat nicht ein. Zudem gab es damals drei Direktabsteiger. Erst seit der Spielzeit 2008/09 wird eine Relegation mit Hin- und Rückspiel gegen den Drittplatzierten der 2. Bundesliga ausgespielt. Kurzum: Die Sechzger wären so oder so abgestiegen, es lag nicht am damals 23-jährigen Kioyo und seinem Fehlschuss. Auch wenn der heute 46-Jährige das rückblickend vermutlich selbst glaubt.

Ähnlich verhält es sich mit der epischen Erzählung von der 3:4-Heimniederlage des TSV 1860 München am letzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2004/2005 gegen LR Ahlen. Auch hier hätten die Weiß-Blauen unabhängig von einem eigenen Sieg nicht die erhoffte Bundesliga-Rückkehr feiern können, denn dazu wäre eine gleichzeitige Niederlage von Eintracht Frankfurt gegen Wacker Burghausen erforderlich gewesen. Die Hessen gewannen jedoch mit 3:0. Solche Inaccuracies – beim BR schreibt man Englisch – ziehen sich durch die gesamte, fast dreieinhalb Stunden lange Dokumentation. In jedem der fünf Teile findet sich mindestens eine solche Ungenauigkeit. Zudem lässt man im Zusammenhang mit dem Bau der Allianz Arena einigen Protagonisten im Film Erzählungen durchgehen, die so nicht gewesen sein können. Letztlich sind das jedoch Nebensächlichkeiten, die man den Filmemachern nachsehen kann, denn sie haben dafür die Seele des Klubs treffend eingefangen. Jene Mischung aus Größenwahn, falschen Management-Entscheidungen, notorischer Geldnot und einer trotzdem unerschütterlichen Liebe der Anhänger zum Verein.

Klarsichtig und reflektiert über die Vergangenheit spricht eine der wenigen Frauen im Film: Claudia Leupold, die frühere Pressesprecherin des Klubs (1997–2012). Die sportlichen Helden vergangener Tage schildern anekdotenreich ihre Zeit bei den Löwen. Dabei verwechselt Peter Pacult bei der retrospektiven Schilderung der legendären Auswärtsfahrt zum letzten Spiel nach Meppen im Jahr 1994 die Klubfarben. Manfred Schwabl ist sicherer, was das Colour des TSV 1860 München anbelangt. Zudem schildert er in seiner unnachahmlich sympathischen Mundart seinen Rauswurf als Spieler. Diesen hatte Wildmoser der Ältere veranlasst. Über ihn sagt der frühere Bayern-Manager und heutige Ehrenpräsident des uneinholbar enteilten Lokalrivalen anlässlich des Notverkaufs der Arena-Anteile: „Im Nachhinein muss man noch einmal betonen, dass die Wildmoser-Ära eine Katastrophe für diesen Verein war.” (as)

Folge 1: We go to the top
Folge 2: Griff nach den Sternen
Folge 3: Der Anfang vom Ende
Folge 4: Der Fluch der Arena
Folge 5: Einmal Löwe, immer Löwe

Alle Teile abrufbar in der ARD-Mediathek: www.ardmediathek.de/dokus-sport

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