Am 7. November findet um 14 Uhr an der Straßenkreuzung Hochleite, über der Klaus- und Isenschmidstraße eine Kranzniederlegung zur Erinnerung der Reichspogromnacht im Jahr 1938 statt. Die Eröffnung der Gedenkfeier findet gemeinsam mit Rafał Wolski, Generalkonsul der Republik Polen, statt. Die Künstlerin Rikki Reinwein wird über die Geschehnisse am 9. November 1938 und die Kabarettistin Gisela E. Marx, wird Gedichte von Rose Ausländer vortragen. Rose Ausländer (1901–1988) gilt als eine der bedeutendsten deutsch-jüdischen Lyrikerinnen des 20.Jahrhunderts. Darüber hinaus wird Dr. Herbert Dandl, Autor von „Jeder Mensch hat einen Namen“ Juden und Jüdinnen aus diesem Viertel vorstellen und porträtieren.
Abseits der bekannten „Orte des Erinnerns und Gedenkens“ in der Münchner Innenstadt steht am Isarhochufer, Ecke Isenschmidstraße/Hochleite mitten auf einer von zwei alten Eichen mit blühendem Efeu, einer hohen Fichte, zwei Buchen und einer Birke teilweise beschatteten Wiese die Skulptur „Pogromnacht 1938“ des Untergiesinger Künstlers Hans Martin Kieser. Errichtet wurde die Skulptur aus rostendem und nicht rostendem Stahl zum 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 2018 auf Initiative von Melly Kieweg aus Mitteln des Bezirksausschusses 18 Untergiesing-Harlaching. Die Skulptur wirkt etwas verloren auf der relativ großen Wiese und erschließt sich den zahlreich Vorübergehenden nicht auf den ersten Blick.
Wer sich Zeit nimmt, kann auf einer Tafel diese Erklärung lesen: „Komprimierte Schichtungen im Sockel zeigen die Geschichte der Menschheit, ihrer Kulturen, ihrer Religionen. Bildhafte Symbole stehen für ihre gemeinsame Entwicklung. Die Mitte der Stele benennt Gegenkräfte: Unterdrückung, Zerstörung, Vernichtung. Oben dann symbolisiert im Verwahrlosen, dem Zerstörerischen. In der Spitze hinfällig, dem Tod geweiht, sich selber vernichtend.“
Bei genauer Betrachtung sieht man im oberen Teil der 1,70 Meter hohen und 55 cm im Quadrat messenden Skulptur zwei massive Stahlplatten. Von der unteren Platte bis zum Boden sind gefaltete, rostende Bleche wie ein Vorhang zu sehen, auf deren vier Seiten verschiedene Aspekte aus der Entwicklung der Menschheit auf Spruchbändern zu lesen sind. Die obere Stahlplatte ist leicht geknickt und erdrückt darunter liegendes jüdisches Leben, symbolisiert durch Menschen auf der Flucht, einen brennenden Tempel, einen verbogenen siebenarmigen Leuchter und Rollen, die von vorn wie Thorarollen anmuten und seitlich die Namen „Kafka, Meyerbeer, Zweig, Oppler und Lassalle“ tragen, alles in hellem Edelstahl ausgeführt. An der Spitze auf der geknickten Stahlplatte sitzt eine übermächtige und gleichzeitig irgendwie zerstört wirkende Figur mit Helm auf dem Kopf aus verrostetem Stahl.
Stellvertretend für die verfolgten Juden aus dem Viertel wurde bei der Einweihung am 10. November 2018 von Schülern des Theodolinden Gymnasiums an das Schicksal von Karl Adler und Ernst Karl Henle erinnert. Adler wurde am 22. November 1938 im Konzentrationslager Dachau ermordet, der frühere Stadtbaudirektor Henle nahm sich am 11. November 1938 das Leben. Laut Polizeiakte: „Wollte der Familie nicht hinderlich sein, da Jude“.
Seit 2020 lädt die Bürgerinitiative „Mehr Platz zum Leben“ jedes Jahr im November zu einer Gedenkfeier mit Kranzniederlegung ein. Einen ganz besonderen Beitrag zur Geschichte der vielen jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen aus Giesing und Harlaching leistet das 456 Seiten starke Gedenkbuch von Dr. Herbert Dandl mit dem Titel „Jeder Mensch hat einen Namen“. Es enthält in enormer Detailtiefe biographische Daten zu 282 Juden und Jüdinnen, die in Giesing und Harlaching gewohnt haben. Zusätzlich sind auch deren Verwandte erfasst und für einige der großen jüdischen Familien finden sich tabellenartige Zusammenstellungen, die in beklemmender Weise deutlich machen, welche riesigen Verwüstungen die nationalsozialistische Judenverfolgung alleine in München angerichtet hat. Überdies enthält das Werk von Dr. Dandl viele historische Fotos und sehr ausführlich mit Quellen belegte Hintergrundinformationen zur Judenverfolgung in München (Herbert Dandl: „Jeder Mensch hat einen Namen – Gedenkbuch für die Opfer der Shoah aus Giesing und Harlaching 1933 – 1945“, Franz Schiermeier Verlag, München 2024).