Veröffentlicht am 25.05.2009 11:24

»Möget Ihr Ähnliches nie erleben!«

Max Mannheimer erzählte in der Montessorischule, was er als Opfer der NS-Täter erlebte. (Foto: job)
Max Mannheimer erzählte in der Montessorischule, was er als Opfer der NS-Täter erlebte. (Foto: job)
Max Mannheimer erzählte in der Montessorischule, was er als Opfer der NS-Täter erlebte. (Foto: job)
Max Mannheimer erzählte in der Montessorischule, was er als Opfer der NS-Täter erlebte. (Foto: job)
Max Mannheimer erzählte in der Montessorischule, was er als Opfer der NS-Täter erlebte. (Foto: job)

»Mein Vater war naiv: Er hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, er zahlte pünktlich seine Steuern, er war für Kaiser und Vaterland im Krieg gewesen. ‘Es wird schon nicht so schlimm kommen’, meinte er.« Max Mannheimer, einer der wenigen noch lebenden Menschen, die den Holocaust überlebt haben, schilderte den Jugendlichen in der Großhaderner Montessorischule, wie seine jüdische Familie die NS-Zeit erlebte.

Die Mannheimers lebten damals im Sudetenland. Nach den Novemberpogromen 1938 bekamen sie zu spüren, dass die Einschätzung des Vaters ein furchtbarer Irrtum gewesen war. Ende 1938 wird die Familie ihrer Heimat verwiesen und lässt sich jenseits der Reichsgrenze in Ungarisch Brod nieder, das allerdings wenig später ebenfalls von deutschen Truppen besetzt wird. Die Verfolgung und Ausgrenzung jüdischer Bürger nimmt auch hier immer brutalere Formen an. »Etwa 400 Gesetze gegen Juden wurden in den zwölf Jahren der NS-Zeit erlassen«, erzählt Max Mannheimer den Schülern in Großhadern: »Juden dürfen nach 20 Uhr das Haus nicht verlassen, sie dürfen keine öffentliche Schule besuchen, sie müssen ihren Schmuck abgeben.«

Im Januar 1943 wird die achtköpfige Familie (Max Mannheimer, seine Frau, seine Eltern, seine Schwester und drei Brüder) vorgeblich zum »Arbeitseinsatz in den Osten« deportiert. Als ihr Zug nach tagelanger Fahrt schließlich hält, findet sich die Familie an der Selektionsrampe in Auschwitz wieder. Von den etwa 1.000 Menschen aus dem Zug bleiben nur 155 Männer und 63 Frauen zunächst noch am Leben. Alle anderen werden sofort vergast. Unter ihnen sind auch Max Mannheimers Eltern, seine Schwester und seine Frau. Er sieht sie in dieser Nacht zum letzten Mal. »Möget Ihr Ähnliches nie erleben!« wünscht er den Jugendlichen in Großhadern.

Angesichts des Grauens im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau denkt der 22-jährige Max Mannheimer daran, sich im Elektrozaun, der das Lager umgibt, zu töten. Sein 17-jähriger Bruder hält ihn ab: »Willst du mich hier alleine lassen?« Fünf Konzentrationslager überlebt Max Mannheimer, ehe er im April 1945 bei Tutzing von amerikanischen Soldaten endlich befreit wird. »Ihr könnt euch nicht vorstellen, was es bedeutet, nach 27 Monaten in einem sauberen Bett mit einem Kopfkissen zu liegen und keine Angst mehr zu haben, ermordet zu werden!« wendet sich Max Mannheimer an die Schüler.

»Ich hatte mir geschworen, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Ich wollte nicht unter Menschen leben, die andere wegen deren Religion in Gaskammern gesteckt haben!« erzählt er. Doch schon am 7. November 1946 tut er es dennoch: Er hatte sich in eine deutsche Frau verliebt. Seit 1968 erzählt er u.a. in Schulen seine Geschichte - »nicht als Richter oder Ankläger, sondern um die Demokratie zu stärken«, erklärt Mannheimer: »Lasst niemals mehr eine Diktatur zu!«

Max Mannheimer wurde 1920 in Neutitschein (Mähren) geboren. Er war ab Januar 1943 in verschiedenen Konzentrationslagern (unter anderem in Theresienstadt und in Auschwitz-Birkenau) gefangen, zuletzt in Dachau und in dessen Außenlager Mühldorf. Angesichts der näherrückenden US-Armee wurden die dort Gefangenen im April 1945 in Zügen weggebracht. Am 30. April 1945 wurde Max Mannheimer einige hundert Meter vor dem Tutzinger Bahnhof von den Amerikanern befreit. Seine erste Frau hat den Holocaust ebenso wenig überlebt wie seine Eltern und drei seiner Geschwister - nur er und ein Bruder haben überlebt.

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