Die Schauspielerin Daniela Voß (48) will bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 für das neu gegründete „Bündnis Kultur“ in den Münchner Stadtrat einziehen. Alfons Seeler sprach mit ihr-
Frau Voß, Sie kandidieren bei der anstehenden Kommunalwahl auf der Liste des „Bündnisses Kultur“ für den Stadtrat. Was ist der Unterschied zwischen einer Listengemeinschaft und einer Partei?
Daniela Voß: Eine Listengemeinschaft ist eine offene, meist themenspezifische Vereinigung, das heißt, jede und jeder kann mitmachen. Bei uns gab es das bestimmte Interesse, den Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich entgegenzutreten. Darauf folgten offene Treffen zum Austausch und eine öffentliche Ausschreibung für die Liste „Bündnis Kultur“. Alles ist sehr basisdemokratisch und lebt vom Engagement vieler Einzelner.
Klassische Parteien haben ein Wahlprogramm. Worin besteht die gemeinsame Programmatik des „Bündnisses Kultur“?
Daniela Voß: Wir möchten denjenigen eine Stimme geben, die bisher keine im Stadtrat haben. Wir wollen Kultur, Bildung und Soziales stärken und diese Bereiche vor allem angesichts klammer öffentlicher Kassen nicht gegeneinander ausgespielt wissen. Deswegen betonen wir diesen Dreiklang auch immer.
Was lässt Sie annehmen, dass die Themen „Kultur, Bildung und Soziales” bei den etablierten Parteien nicht ausreichend berücksichtigt werden?
Daniela Voß: Das sagt mir meine eigene, fast 20-jährige Erfahrung als darstellende Künstlerin in München. Mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein. Viele Menschen, die beruflich mit Kultur im weitesten Sinne in Berührung kommen, berichten Ähnliches. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in dieser Zeit eine durchschlagende strukturelle oder finanzielle Verbesserung gegeben hätte, obwohl Ideen dafür von im Kulturbereich tätigen Sachverständigen zahlreich vorliegen. Für die Parteien ist der Kulturbereich lediglich ein Programmpunkt unter vielen. Es fehlt dort das Verständnis für die tatsächlichen Bedürfnisse.
Ihre persönliche Einschätzung deckt sich aber nicht mit offiziellen Zahlen. Betrachtet man die Entwicklung des Kulturhaushalts in München über die vergangenen drei Wahlperioden hinweg, so zeigt sich ein stetiger Aufwärtstrend. München verfügt über einen der höchsten Kulturetats deutscher Kommunen. Aktuell steht die Stadt vor der Herausforderung, das hohe Niveau trotz einer angespannteren Haushaltslage halten zu können.
Daniela Voß: Der Kulturetat mag isoliert betrachtet hoch wirken, er entspricht tatsächlich aber nur einem vergleichsweise geringeren Anteil am Gesamthaushalt von etwa drei Prozent. Von den Sparmaßnahmen der Stadt ist der gesamte Kulturbereich dafür aber mehr als doppelt so stark betroffen, wie es seinem Anteil am Gesamthaushalt entspricht. Das kommt einem Kahlschlag gleich. Hier gibt es erheblichen politischen Handlungsbedarf. Die Lebenshaltungskosten in München haben über die letzten 18 Jahre hinweg deutlich zugenommen. Kulturinstitutionen müssen mit gestiegenen Unterhalts- und Personalkosten umgehen. Das hat der angepasste Kulturetat nie aufgefangen.
Woran liegt die vermutete überproportionale Belastung Ihrer Ansicht nach?
Daniela Voß:
Das hat in meinen Augen zwei wesentliche Gründe. Zum einen sind Kulturausgaben in Deutschland auf kommunaler Ebene im Regelfall freiwillige Leistungen. Das hat zur Folge, dass sie in Zeiten knapper werdender kommunaler Mittel besonders anfällig für Kürzungen sind. Und der Kultur fehlt, abseits der sehr großen Institutionen, schlicht eine wirksame Interessenvertretung in der Politik. Beides möchten wir gerne ändern.
Halten Sie es für sinnvoll, wenn Bürger/innen ihre jeweiligen Partikularinteressen als eigene Listen im Stadtrat artikulieren? Also, überspitzt formuliert, wenn Autofahrer und Radfahrer für ihre individuellen Verkehrsbelange einträten, Pflegekräfte sich in einer eigenen politischen Verbindung ihren prekären Arbeitsbedingungen entgegenstellten oder Handwerker eine Liste bildeten?
Daniela Voß: Was machen Parteien, wie beispielsweise die CSU oder die FDP, denn anderes, als Partikularinteressen zu vertreten? Kultur ist kein Partikularinteresse – es ist oft der kleinste gemeinsame Nenner. Es ist das, worauf unsere Zivilisation fußt. Ganz praktisch gesagt: Kultur macht eine Stadt lebenswert, handlungsfähig und nicht zuletzt auch wirtschaftlich stark. Zu diesen Effekten gibt es zahlreiche Untersuchungen. Investitionen in die Kultur zahlen sich immer aus. Auch Ausgaben im Bildungs- und Sozialbereich sind nie Fehlinvestitionen. Eine Stadtgesellschaft, die sich durch Kreativität, Wissen und Hilfsbereitschaft auszeichnet, wird weit besser auf bestehende Problemlagen und auf Krisen in der Zukunft reagieren.
Bei der letzten Kommunalwahl im Jahr 2020 erhielten die Bayernpartei und die „München-Liste“ als kleinste Vereinigungen jeweils 0,6 bzw. 0,7 Prozent der abgegebenen Stimmen. Dies reichte für einen Sitz im Stadtparlament. Was lässt das „Bündnis Kultur“ hoffen, diese Schwelle ebenfalls erreichen zu können?
Daniela Voß: Wir stoßen im Wahlkampf auf sehr offene Ohren. Auf viele Menschen, denen Kultur und Kulturerlebnisse wichtig sind. Damit ist nicht nur die Hochkultur gemeint, sondern auch das Stadtteilfest, die ehrenamtliche Tätigkeit, der Sport im Park, das kleine Theater nebenan, ein Chor, in dem man mitsingt, und so weiter. Dieses Engagement zu unterstützen, ist auch Aufgabe einer Stadtgesellschaft. Und wir treffen auf viele Frauen, die im Jahr 2026 einfach keine Lust mehr haben, sich zwischen zwölf Männern entscheiden zu müssen. Wir haben die einzige Bürgermeisterkandidatin! Das ist schon ein sehr gutes Argument.
Angenommen, das „Bündnis Kultur“ zieht in den Stadtrat ein: Was will es mit einem einzigen Sitz politisch erreichen?
Daniela Voß: Wer sagt, dass wir uns mit einem Sitz begnügen müssen? Meiner Meinung nach ist da mehr drin. Ich bin überzeugt, dass wir als „Bündnis Kultur“ konstruktiv politisch intervenieren und Ideen einbringen können. Im Endeffekt sollte der Stadtrat froh sein, auf echte Expertise zurückgreifen zu können.
Betrachtet man die angegebenen Berufe der aktuell amtierenden Mitglieder des Stadtrats, so fällt auf, dass es sich bis auf wenige Ausnahmen durchweg um Menschen mit akademischer Bildung handelt. Beim „Bündnis Kultur“ dürfte es sich nicht anders verhalten. Fehlen hier nicht die Stimmen der „Werktätigen“?
Daniela Voß: Es fehlen einige mehr im Stadtrat. Beispielsweise Frauen, obwohl in München laut Bevölkerungsstatistik mehr Frauen als Männer leben. Es fehlen Menschen mit Migrationsgeschichte, die auch nicht entsprechend repräsentiert sind. Es fehlen junge Menschen. Beim „Bündnis Kultur“ haben die Kandidierenden unterschiedlichste Biografien: vom Schornsteinfeger bis zur Schülerin, von der Journalistin bis zum Veranstaltungstechniker. Viele Bereiche des Künstlerischen haben mit handwerklicher und mit geistiger Arbeit zu tun. Gerade weil viele Künstlerinnen und Künstler prekär leben müssen, können wir die wirtschaftlichen Nöte von Geringverdienenden sehr gut nachvollziehen.
Gibt es für das „Bündnis Kultur“ oder für Sie persönlich eine Zukunftsvision von einer funktionierenden Stadtgesellschaft in München?
Daniela Voß: Meine Vision wäre die einer lebendigen und klimaresilienten Stadt, die für starken sozialen Zusammenhalt, ökologische Verantwortung, Innovationskraft und echte Bürgerbeteiligung steht. Dabei sind Kultur, Bildung und Soziales eben keine Privilegien, sondern die Grundlage für eine demokratische Gemeinschaft, in der Menschen sich sicher, gehört und wertgeschätzt fühlen. Dafür lohnt es sich politisch zu kämpfen.