Warum veredelt man seine Obstbäume? „Weil man eine alte, wohlschmeckende Sorte unbedingt erhalten will, weil die Früchte des Apfelbaumes im heimischen Garten nicht so gut schmecken oder weil der Birnbaum nur sehr wenige Früchte trägt”, begründete Baumwart Sepp Höschl aus Neufinsing beim Veredelungskurs des Kreisverbandes für Gartenbau und Landespflege Erding im Kreis-Obstlehrgarten St. Wolfgang. „Oder auch, weil man mal drei, vier verschiedene Apfelsorten auf einem Baum haben möchte oder einen ganz besonderen Baum, den man selber 'erzeugt' hat, seinen Kindern vererben will”, so Höschl. Michael Klinger vom Landratsamt und Baumwart Sepp Höschl informierten sachkundig und umfangreich die zwölf Männer und drei Frauen aus dem gesamten Landkreis. Jürgen aus Wartenberg hat eine Streuobstwiese und möchte vor allem ältere Bäume mit wohlschmeckenden Früchten erhalten. Gerhard aus Dorfen hat im heimischen Garten „nur” zwei Apfelbäume. „Ich wollte mal sehen, wie das Veredeln genau geht.” Norbert aus Eichenkofen kümmert sich um die dortige Streuobstwiese mit 36 Bäumen. „Ich habe schon selber veredelt, nicht alles ist etwas geworden, jetzt wollte ich mal einem Fachmann zusehen.” Dieser Fachmann Sepp Höschl brachte zahlreiche „Reiser”, also einjährige Ruten von Apfel- und Birnbäumen mit, die gesunde, wohlschmeckende Früchte getragen haben und die man auf einem stabilen Unterbau, der „Unterlage” züchten möchte. „Die normale Vermehrung bei den Obstbäumen geschieht ja über die Kerne der Früchte. Zum einen dauert das sehr lange, zum anderen ist das Ergebnis ein absolutes Zufallsprodukt, im Kern können die genetischen Informationen von vielen anderen drin sein. Wenn man gezielt eine Sorte haben möchte, dann geht das nur über die Veredelung”, so Höschl. Die Veredelung ist über 3000 Jahre alt und stammt aus dem Mittelmeerraum, wurde auch in Asien eingesetzt. „Wenn wir veredeln wollen brauchen wir zuerst Reiser: Diese schneiden wir entweder im Sommer und verwenden sie sofort oder wir schneiden sie zwischen Dezember und Februar und lagern sie am besten im Kühlschrank oder eingeschlagen in Zeitungspapier in Plastiktüten. Dazu brauchen wir ein- oder zweijährige Ruten mit einigen enganliegenden Blattknospen, keine hervorstehende Blütenknospen”, erläuterte Höschl. Dann benötigt man eine stabile, frostsichere Unterlage, ein bis drei Jahre alt. Am besten sind starke Bäume der gleichen Sorte: Birne geht nur auf Birne oder Quitte, Apfel funktioniert nur auf Apfel oder Birne, Kirsche nur auf Kirsche. „Apfel auf Kirsche funktioniert nicht!” Die Unterlage wird entweder etwa 20 Zentimeter über dem Boden abgeschnitten oder auch an einem Hauptast, einen Meter vom Stamm entfernt – so kann man einen „Tutti Frutti Vielfaltsbaum” erzeugen mit vier, fünf verschiedenen Apfelsorten an einem Baum. Der beste Zeitpunkt für die Veredelung ist laut Höschl der März. Dazu gibt es unterschiedliche Techniken: Sind Reiser und Unterlage etwa gleich dick, werden beide schräg angeschnitten, etwa fünf Zentimeter lang, aufeinandergelegt und mit Gummiband, Bastband oder einem selbsthaftenden Veredelungsband umwickelt und so verbunden. Eine weitere Möglichkeit sind Gegenzungen, die man ineinandersteckt oder die Geißfuß-Technik, dabei wird der Reiser keilförmig zugeschnitten. Beim Rindenpfropfen wird die Rinde der Unterlage leicht angelöst, der schräg angeschnittene Reiser eingesteckt, so kann man mehrere Reiser in eine dicke Unterlage einfügen. „Kurze Reiser mit wenigen Augen wachsen besser an. Die Veredelungsstelle noch mit Baumwachs umstreichen, auf alle Fälle aber die Spitze des Reisers – und beschriften nicht vergessen! Und: Vorsicht beim Schneiden! Das Messer ist sehr scharf und daher nicht ungefährlich”, warnte Höschl. Und dann ging's raus in den Garten zum Schneiden üben und veredeln.