Frauen benötigen keine Sonderbehandlung, sondern die gleichen Möglichkeiten, sich beruflich zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen, findet Anke Kühn. Sie ist Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit München. Junge Frauen sollten ihre Berufswahl nicht an Rollenbildern ausrichten, sondern an ihren persönlichen Interessen und Fähigkeiten - und sich ermutigt fühlen, Verantwortung zu übernehmen und ihren eigenen Weg in Führungspositionen selbstbewusst zu gehen.
Welche Berufe bieten Mädchen und jungen Frauen besonders gute Chancen? Wo sind sie heute schon am stärksten vertreten?
Anke Kühn: Junge Frauen haben heute grundsätzlich in nahezu allen Berufsfeldern gute Chancen.Besonders gute Perspektiven bieten Berufe, in denen Fachkräfte dringend gesucht werden – etwa im Gesundheits- und Sozialwesen, in der IT, im Handwerk, oder in technischen Berufen. Gleichzeitig entscheiden sich viele junge Frauen nach wie vor häufig für kaufmännische Berufe sowie Berufe im Gesundheitswesen, in der Erziehung oder im Einzelhandel. Diese Berufe sind unverzichtbar und bieten vielfältige Entwicklungs- und Karrierechancen.
Dennoch zeigt sich, dass Frauen deutlich häufiger in kaufmännischen und personenbezogenen Dienstleistungsberufen arbeiten, hingegen in vielen technischen und gewerblichen Ausbildungsberufen weiterhin unterrepräsentiert sind. Diese Verteilung setzt sich auch in den derzeitigen Berufswünschen der jungen Frauen fort: In der Berufsberatung der Agentur für Arbeit München sind derzeit insgesamt 1.984 junge Frauen gemeldet. Hiervon möchten 365 junge Frauen Kauffrau Büromanagement werden, 327 möchten Medizinische Fachangestellte werden und 138 möchten zahnmedizinische Fachangestellte werden.
Bei welchen Berufen wünschen Sie sich mehr Frauen?
Anke Kühn: Ich wünsche mir mehr Frauen in den Berufen, die ihren Interessen, Talenten und Stärken entsprechen – unabhängig davon, ob diese gesellschaftlich als typische „Frauen-“ oder „Männerberufe“ gelten. Das können ebenso technische, naturwissenschaftliche oder handwerkliche Berufe sein. Ob Mechatronikerin, Elektronikerin, IT-Architektin oder Anlagenmechanikerin – diese Berufe sind innovativ, abwechslungsreich und bieten hervorragende Zukunftsperspektiven. Gleichzeitig suchen viele Unternehmen in der Region händeringend qualifizierten Nachwuchs. Entscheidend ist, dass junge Frauen ihre Berufswahl nicht an Rollenbildern ausrichten, sondern an ihren persönlichen Interessen und Fähigkeiten.
Wie unterstützt die Agentur für Arbeit junge Leute bei der Berufswahl? Gibt es spezielle Angebote für Mädchen?
Anke Kühn: Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit München begleitet junge Menschen individuell, ergebnisoffen und kostenfrei bei der Berufs- und Studienwahl – Mädchen wie Jungs. Gemeinsam werden Interessen, Fähigkeiten und persönliche Ziele herausgearbeitet. Dazu gehören persönliche Beratungsgespräche, Eignungstests, Informationsveranstaltungen, Ausbildungsmessen,die Vermittlung von Praktika sowie zahlreiche digitale Informationsangebote.
Unser Ziel ist es, Horizonte zu erweitern und junge Menschen zu ermutigen, auch Berufsfelder kennenzulernen, die sie zunächst vielleicht nicht in Betracht gezogen hätten. Einen wichtigen Beitrag leisten dabei der Girls’ Day und der Boys’ Day. Am Girls’ Day erhalten Mädchen Einblicke in technische, naturwissenschaftliche oder handwerkliche Berufe. Am Boys’ Day lernen Jungen beispielsweise Berufe im Gesundheitswesen, in der Erziehung, der sozialen Arbeit oder in ausgewählten Dienstleistungs- und Verwaltungsbereichen kennen. Beide Aktionstage tragen dazu bei, Rollenklischees abzubauen und die Berufswahl an den eigenen Interessen und Talenten auszurichten.
Wie können Betriebe junge Frauen dabei unterstützen, Karriere zu machen und Führungspositionen zu erreichen?
Anke Kühn: Entscheidend ist, dass Unternehmen Chancengleichheit aktiv leben. Frauen benötigen keine Sonderbehandlung, sondern die gleichen Möglichkeiten, sich beruflich zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Geschlechterspezifische Vorurteile sollten konsequent abgebaut und Leistung sowie Potenzial unabhängig vom Geschlecht bewertet werden.
Dazu gehören transparente Karrierewege, früh übertragene Verantwortung, Mentoring-Programme und gezielte Weiterbildungsangebote. Ebenso wichtig sind flexible Arbeitszeitmodelle und gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wer erlebt, dass Führungsverantwortung unabhängig vom Geschlecht selbstverständlich ist, wird eher den eigenen Karriereweg konsequent verfolgen.
Studien zeigen, dass vielfältig zusammengesetzte Führungsteams erfolgreicher sein können und Frauen im Durchschnitt häufig einen kooperativen, mitarbeiterorientierten Führungsstil einbringen. Frauen sollten sich deshalb ermutigt fühlen, Verantwortung zu übernehmen und ihren eigenen Weg in Führungspositionen selbstbewusst zu gehen.
Wenn die wirtschaftliche Lage schlechter wird, trifft das zuerst Frauen. Welche Berufe bieten Frauen perspektivisch Sicherheit?
Anke Kühn: Langfristige Sicherheit hängt weniger vom Geschlecht als vielmehr von der Qualifikation, der Berufserfahrung und der Nachfrage nach bestimmten Fachkräften ab. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten prüfen Unternehmen, welche Funktionen für die Aufrechterhaltung ihres Kerngeschäfts unverzichtbar sind. Gute Beschäftigungschancen haben deshalb insbesondere Menschen mit gefragten Qualifikationen und einer hohen fachlichen Expertise.
Besonders stabile Perspektiven bieten derzeit Berufe im Gesundheitswesen, in der Pflege,der Erziehung, in der IT, im Handwerk sowie in technischen Bereichen. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Klimawandel und der demografische Wandel viele Berufsbilder. Deshalb gewinnt lebenslanges Lernen zunehmend an Bedeutung. Wer bereit ist, sich kontinuierlich weiterzubilden und neue Kompetenzen zu erwerben, verbessert seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig. Entscheidend ist letztlich nicht, ob ein Beruf als typisch weiblich oder männlich gilt, sondern ob er Zukunftsperspektiven bietet und zu den eigenen Fähigkeiten passt.