Veröffentlicht am 29.08.2026 00:01

Verlorenes Paradies? Eggarten-Siedlung soll für ein „Modellquartier” gerodet werden – LBV klagt

Keiner wohnt mehr auf dem Gelände. Doch Tiere und Pflanzen haben ein Zuhause in der Eggarten-Siedlung gefunden.  (Foto: mha)
Keiner wohnt mehr auf dem Gelände. Doch Tiere und Pflanzen haben ein Zuhause in der Eggarten-Siedlung gefunden. (Foto: mha)
Keiner wohnt mehr auf dem Gelände. Doch Tiere und Pflanzen haben ein Zuhause in der Eggarten-Siedlung gefunden. (Foto: mha)
Keiner wohnt mehr auf dem Gelände. Doch Tiere und Pflanzen haben ein Zuhause in der Eggarten-Siedlung gefunden. (Foto: mha)
Keiner wohnt mehr auf dem Gelände. Doch Tiere und Pflanzen haben ein Zuhause in der Eggarten-Siedlung gefunden. (Foto: mha)

Hasen-, Reh- und Marderstraße. Was richtig romantisch klingt, ist es bis jetzt auch: Die ehemalige Eggarten-Siedlung südlich des Lerchenauer Sees hat sich zu einem biotopartigen Gelände entwickelt. Vor über 100 Jahren hatte man das rund 21 Hektar große Gebiet der ehemaligen königlichen Fasanerie Siedlern zur Errichtung bescheidener Häuschen zur Verfügung gestellt. Nach einer wechselvollen Geschichte mit Zwangsverkäufen wegen eines geplanten Bahnhofs, Abrissen und Zerstörungen durch den Krieg ist das Gelände heute nicht mehr bewohnt. Ein Teil der ehemals 62 Häuser wurde abgerissen, einige Flächen dienen als Kleingärten, andere sind verwildert: Der Eggarten, dessen Name von Egern, Ödgarten, herrührt, ist über die Jahre zu einem Wald mitten in der Stadt geworden.

„Paradise Lost” rührt zu Tränen, „Paradise Regained” nur zum Gähnen – so heißt es über die beiden Epen des englischen Dichters John Milton. Ähnliches empfindet wohl mancher beim Anblick der Eggarten-Siedlung und der Aussicht auf das „Nachhaltige Modellquartier mit rund 1.900 Wohnungen”, das anstelle des wilden grünen Paradieses geplant ist, welches zwischen der Lassallstraße, der Wilhelmine-Reichard-Straße und den Bahnschienen vor sich hinwächst und vielen Tier- und Pflanzenarten Heimat geworden ist.

Ambitioniertes Bauprojekt vs. Naturschutz

Denn wo heute noch Wildwuchs ist, sollen morgen schon 4.500 Menschen wohnen. So hat es der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung des Stadtrates beschlossen. Die historische Eggarten-Siedlung „soll zu einem lebendigen und nachhaltigen Wohnquartier entwickelt werden”, teilt die Stadt mit.
So ist der Lauf der Welt, mag man sich denken: Aus einem Ort für die Natur wird Wohnraum für den Menschen. Jeder braucht schließlich Platz, um sich zu entfalten. Neben den Wohnungen – vorwiegend fünf- bis siebengeschossigen Häusern „mit grünen Wohnhöfen”, einem 15-stöckigen und zwei 13-stöckigen Hochhäusern – sind eine Grundschule mit großem Rasenspielfeld, fünf Kindertagesstätten, drei Quartiersgaragen sowie Dienstleistungs- und Nahversorgungseinrichtungen geplant. Auch „attraktive öffentliche und private Grünflächen” sind vorgesehen. Doch grün ist es im Eggarten bereits.

Zwar sollen im Zuge des Bauvorhabens ein zentraler Platz mit Grünfläche und Spielangeboten sowie „weitere baumbestandene Plätze” entstehen. Sogar „drei erhaltenswerte Bestandsgebäude” sollen „in das neue Quartier integriert” werden, schreibt die Stadt. Und weiter: „Im Süden und Osten des Planungsgebiets entstehen großzügige, vielseitig nutzbare öffentliche Grünflächen.” Sie betont auch „eine klimafreundliche Energieversorgung, ein nachhaltiges Mobilitätskonzept für ein weitgehend autofreies Quartier der kurzen Wege sowie die Umsetzung des Schwammstadtprinzips”. Doch: Ist dies in Zeiten von Klimawandel, Hitze- und Dürreperioden mehr wert als das bestehende, natürlich gewachsene Grün?

1000 Bäume sollen dran glauben

Für das Großbauvorhaben sollen an die 1000 alte und unzählige junge Bäume weichen, sprich gefällt werden. Bäume, die sich in Jahrzehnten entwickelt haben. „In Zeiten immer häufigerer und extremerer Hitzewellen ist es widersinnig, einen kompletten Stadtwald zu roden“, sagt LBV-Heinz Sedlmeier, München-Geschäftsführer des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz in Bayern. Der Naturschutzverband will die nicht hinnehmen: „Gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlage wehren wir uns, auch im Namen zukünftiger Generationen.“ Denn noch kann man auf dem Gebiet der Eggarten-Siedlung den Waldkauz entdecken, noch huschen Eidechsen über Steine, Fledermäuse flattern abends durch die Luft und zwischen dem weitläufigen Baumbestand, den Hecken und Sträuchern sind Wildbienen zu Hause.

Bereits im Oktober aber könnten die Bagger und Kettensägen anrücken und ihren Lebensraum zunichte machen. Der LBV hält dagegen: „Die Wohnungsnot kann man nicht durch eine beispiellose Naturzerstörung im Münchner Norden lösen. Deshalb wehren wir uns und bereiten erstmalig in der Vereinsgeschichte des LBV München eine Klage gegen ein Bauvorhaben vor.“ Er gibt zu bedenken: „Während die Stadt zu Spenden für Stadtbäume aufruft, wobei einer bis zu 95.000 Euro kosten soll, wird das Fällen von fast 1.000 alten und unzähligen jungen Bäumen im Eggarten billigend in Kauf genommen. Das kann doch nicht sein.“

Erstaunlich dabei ist, dass ein junger, von der Stadt gepflanzter Baum mit nur wenigen Zentimetern Stammumfang als „Baum“ gilt, während selbst gewachsene junge Bäume – beispielsweise auf Bebauungsgebieten – gar nicht erfasst werden. „Baum ist also nicht gleich Baum: Ein durch die Stadt gepflanzter Jungbaum geht in die Baumstatistik ein, ein durch Naturverjüngung gewachsener aber nicht. Die jährlichen Baumbilanzen der Stadt geben also ein verzerrtes Bild ab“, gibt der Naturschützer Sedlmeier zu bedenken.

Lebensraum retten

Für die Klage gegen die Eggarten-Bebauung geht der LBV München von erheblichen Kosten aus und hat dafür eine Spendenaktion ins Leben gerufen. „Uns ist bewusst, dass die Rechtslage nicht einfach ist, da die Baumschutzverordnung im Eggarten nicht greift. Doch auch wenn eine Klage durch mehrere Instanzen einen großen finanziellen Aufwand bedeutet: Wir müssen es versuchen und ein Zeichen setzen“, sagt LBV-München-Geschäftsführer Heinz Sedlmeier.
„Der Eggarten fungiert als grüne Lunge und Kaltluftschneise im Norden Münchens. In Hitzewellen, wie wir sie gerade erlebt haben, ist sie enorm wichtig für das Stadtklima. Zudem kreuzen sich in dem Gebiet die großen Biotopachsen Nord-Süd und Ost-West, was für den Artenschutz von großer Bedeutung ist.“ Diesen unersetzlichen Lebens- und Erholungsraum will der LBV München retten. Unter den Adressen www.lbv-muenchen.de/ und www.biotop-eggarten.de erhält man weitere Informationen.
Hier die Bankverbindung für Spenden (Diese sind steuerlich abzugsfähig):
IBAN: DE40 7015 0000 0100 1079 11 – Kennwort: Eggarten
BIC: SSKMDEMM – Stadtsparkasse München

    Gewachsenes Grün zerstören, um neues zu schaffen?

    Der LBV ist der Meinung: „Dass sich München und die Landkreisgemeinden so enorm aufheizen, liegt nur teilweise am Klimawandel. Verantwortlich ist auch das immer weitere Zubauen von Freiflächen. Dagegen hilft nur, die Versiegelung zu stoppen und Bäume zu schützen. Geplante Ersatzpflanzungen können den Verlust alter Bäume nicht aufwiegen.“

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