Viele Fußgänger, Jogger und Radfahrer sind im Sommer in dem kleinen Grünstreifen zwischen Waldstraße und Hohenbrunner Straße unterwegs. An der Ecke Sonnwendjochstraße passieren sie Berg am Laims einziges Denkmal, das an die Schrecken von Nazi-Diktatur und Zweitem Weltkrieg erinnert: einen Hochbunker.
Achteckiger Grundriss, vier Geschosse, zwei Meter dicke Mauern, kleine Lüftungsscharten statt Fenster - das sind die Fakten zu dem Bauwerk, das 1941 nach Plänen des städtischen Hochbauamtes als „Luftschutzbau Nr. 7” entstanden ist, in der „Tradition des spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Wehrbaus”, wie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege angibt. Erwähnenswert sind zudem das Zeltdach und die „monumentale Freitreppe”, wie das Amt schreibt. Wegen dieser architektonischen Besonderheiten steht der Bunker seit 1994 auf der Denkmalliste und ist so vor einem Abriss geschützt.
Errichtet worden ist das trutzige Bauwerk freilich nicht aus ästhetischen Gründen, sondern um rund 300 Menschen im Zweiten Weltkrieg Zuflucht bei Fliegeralarm zu gewähren. Tatsächlich waren in den Bombennächten bis zu 1000 Anwohner dort zusammengepfercht. Auf dem Dach stand ein Flakgeschütz, im Keller ein Ofen. Die Bahnanlagen und die hohe Dichte an Industriebetrieben machten Berg am Laim zum Ziel von Luftangriffen der Alliierten.
Ohnehin ist die Geschichte des Stadtviertels stark durch den Nationalsozialismus geprägt worden: Einen Kilometer westlich des Hochbunkers befand sich, in einem Nebenflügel des Klosters der Barmherzigen Schwestern, das „Sammellager Berg am Laim”. Über 500 Menschen jüdischen Glaubens waren hier von 1941 bis 1943 interniert, die meisten von ihnen wurden von hier aus deportiert und ermordet. Ein Mahnmal am Ende der Clemens-August-Straße und ein alljährlicher Lichtergang erinnern daran.
Der Hochbunker in der Sonnwendjochstraße könnte ebenso als Mahnmal dienen, dürfte aber von den meisten Passanten nicht als solches erkannt werden. Zugänglich ist der Bau aus Sicherheitsgründen nicht - lediglich im September 2013 gab es zum „Tag des offenen Denkmals” Führungen durch den Bunker, die damals auf große Resonanz stießen. Heute wuchern Moos und Unkraut auf den steinernen Treppen, an den Wänden prangen diverse Graffiti. Glasscherben und leere Dosen im Umfeld tun ein Übriges, um dem Bunker, dessen Eigentümer die Stadt München ist, eher den Charakter eines Schandflecks zu geben.
Dabei war das öffentliche Interesse an dem Baudenkmal einst groß: Im Gespräch war Mitte der 90er-Jahre sogar eine Sanierung zu Wohnzwecken, wie sie später bei einem vergleichbaren Hochbunker in der Ungererstraße (Schwabing) umgesetzt werden sollte. Der Bezirksausschuss Berg am Laim plädierte seinerzeit für eine kulturelle oder bürgerschaftliche Nutzung - ohne Erfolg. Einige Jahre später hätte der Verein der Höhlenforscher Südbayern den Bunker gerne als Lagerraum für seine Ausrüstungsgegenstände genutzt und dabei in den unteren Stockwerken ein kleines Museum eingerichtet.
Vor rund zehn Jahren wollte schließlich ein Unternehmen in den abgeschirmten und kühlen Räumen des Bunkers mit Hilfe von Kunstlicht medizinisch nutzbare Grünpflanzen züchten. Das war das letzte Mal, dass der Hochbunker in der Sonnwendjochstraße in die Schlagzeilen geriet. Letztendlich scheiterten alle Pläne für eine Nutzung - und der Verfall nahm seinen Lauf. Einen Zweck erfüllt das Bauwerk immerhin: Auf seinem Dach ist eine Sendeanlage für den Mobilfunk installiert.