Mit der Gedenkveranstaltung „Nie wieder” erinnerte die Gemeinde Tutzing Ende April im Ortsmuseum an eines der dunkelsten Kapitel der Ortsgeschichte: den Häftlingstransport, der vor 81 Jahren in Tutzing strandete und 54 Menschen das Leben kostete. Die Veranstaltung, die gemeinsam von der Evangelischen Akademie, der Akademie für Politische Bildung, den örtlichen Schulen und der Gemeinde organisiert wurde, verband das Gedenken an die Vergangenheit mit einem eindringlichen Appell für die Gegenwart.
Ende April 1945, in der Nacht vom 29. auf den 30. April, ereignete sich in der bis dahin vom Krieg weitgehend verschonten Gemeinde Tutzing eine Tragödie, die bis heute nachwirkt. Etwa 2.000 Häftlinge – vorwiegend osteuropäische Juden – wurden im Zuge der Auflösung des KZ-Außenlagers Mühldorf in einen sogenannten Evakuierungstransport gezwungen. Wie Bürgermeister Ludwig Horn in seiner Ansprache schilderte, war das ursprüngliche Ziel Österreich, vermutlich über Kufstein nach Tirol. Doch die geplante Route war durch Bombardierungen zerstört, der Zug wurde umgeleitet.
„Das Ende der Diktatur des Nationalsozialismus war längst besiegelt, aber die Tötungsmaschinerie funktionierte noch”, betonte Pfarrer Reiner Schübel, als Vertreter der Evangelischen Akademie Tutzing. Ab dem 22. April 1945 wurden die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen über weite Strecken in Richtung Alpen getrieben, ohne Proviant, ohne Wasser, in Holzschuhen und dünner Kleidung. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen.
Kurz vor Tutzing war Artilleriefeuer zu hören, möglicherweise war der Transport bereits von alliierten Tieffliegern beschossen worden, die ihn für einen Reichswehr-Güterzug hielten. Der Lokführer und die SS-Wachen gaben den Zug schließlich auf. Die Überlebenden wagten sich allmählich aus den Wagen und machten sich zu Fuß auf den Weg in die Tutzinger Ortsmitte. „Ein Zug menschlichen Elends auf offener Straße”, wie Bürgermeister Horn es formulierte.
Die örtlichen Lazarette leiteten sofort Hilfsmaßnahmen ein, doch ihre Möglichkeiten waren äußerst begrenzt. Viele Tutzingerinnen und Tutzinger waren plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die sie sich nicht hatten vorstellen können. In den folgenden Tagen und Wochen starben 54 der Häftlinge an Erschöpfung, Hunger und Verletzungen. Sie wurden in Tutzing beerdigt. Ein Gedenkstein am Neuen Friedhof erinnert heute an sie. „Es ist nicht an uns heute, mit moralischem Fingerzeig auf damalige Entscheidungen zu blicken”, mahnte Bürgermeister Horn. „Aber es ist sehr wohl unsere Aufgabe, uns dieser Geschichte zu stellen. Sie gehört zu unserem Ort. Und sie verpflichtet uns zur Erinnerung und zur Haltung.”
Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, verknüpfte das historische Gedenken eindringlich mit den Herausforderungen der Gegenwart. „Uns alle beunruhigt, dass in Teilen unserer Gesellschaft Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus und Geschichtsrevisionismus wieder Fuß fassen”, betonte sie. Heute hätten es diejenigen, die extremes Gedankengut verbreiten wollen, so leicht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.
Münch warnte vor „entgrenztem Misstrauen” und sogenannten „Misstrauensgemeinschaften”, die sich in digitalen Räumen in ihrem Misstrauen gegen gewählte Repräsentanten und die Demokratie bestärken. „Wir haben es inzwischen mit politischen Ordnungen zu tun, die Unmenschlichkeit erleichtern und ermöglichen: Führerstaaten, deren autoritäre Parteien durch Heilsversprechen an die Macht kommen, dann Gefolgschaft verlangen und schließlich die ihnen Missliebigen ausschalten und vernichten.”
Sie appellierte besonders an die „schweigende Mehrheit der insgesamt Verständigen”: Es gelte, staatliche Willkür, Korruption und Gewaltherrschaft durch die verfassungsmäßige Ordnung, Gewaltenteilung und eine wachsame Bürgerschaft zu verhindern. „Das sind wir denjenigen schuldig, die von den Nazis ausgegrenzt, verfolgt und getötet wurden. Und das sind wir unseren Kindern, Enkeln und den Generationen nach uns schuldig.”
Besonders bewegend waren die Beiträge der Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Tutzing und der Create Schools. Oliver Thoss von der Mittelschule brachte die lokale Verantwortung auf den Punkt: „Das Gedenken an den Todeszug in Tutzing ist für uns eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Ortsgeschichte. Die 54 Menschen, die hier ihr Leben verloren, sind heute ein Teil unseres Tutzinger Erbes.”
Die Schülerinnen und Schüler der Create Schools unterstrichen mit Zitaten von Esther Bejarano, Berthold Beitz und Imre Kertész die Bedeutung der Erinnerung und die Verantwortung jedes Einzelnen für die Zukunft.
Eine besondere Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schuf die parallel laufende Ausstellung „Der Garten – Peter Meyer, Komponist und Fotograf” im Ortsmuseum. Christina von Koch von der Gemeinde Tutzing führte die Teilnehmer durch die Ausstellung über den jüdischen Komponisten Max-Peter Meyer (1892-1950), der ab 1925 in Tutzing lebte und die unbeschwerten Jahre der 1920er Jahre fotografisch dokumentierte. Mit der NS-Machtübernahme änderte sich sein Leben dramatisch: 1938 wurde er ins KZ Dachau deportiert, später nach Australien interniert. Nach dem Krieg kehrte er nach Tutzing zurück, starb aber bereits 1950.
Pfarrer Schübel unterstrich in seinem Grußwort die Aktualität der historischen Lehren: „Wir müssen unsere Demokratie im Alltag verteidigen. Wir müssen reden. Miteinander. Denn der Rechtsruck beginnt mit Sprache und Gleichgültigkeit.” Er warnte davor, dass der Rechtsruck nicht am rechten Rand beginne, sondern in der Mitte der Gesellschaft, dort, wo viele sich für „unpolitisch” halten.
Die Gedenkveranstaltung endete mit einem gemeinsamen Bekenntnis aller Beteiligten: Die Vergangenheit kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber sie darf nicht verdrängt werden. Wie Bürgermeister Horn betonte: „Erinnern ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck von Verantwortung. Und die beginnt vor der eigenen Haustür.”