Zurzeit sieht man sie im Münchner Norden: kleine Kästchen am Rand der Gehsteige. Wer genauer hinsieht, bemerkt die Aufschrift mit dem freundlichen Hinweis: „Ich bin ein Geophon und messe Bodenbewegungen, um das Vorkommen von Erdwärme zu untersuchen.” Aha! Und Weiter: „Ich habe einen GPS-Sender und werde wieder eingesammelt.” Soso. Was es damit genau auf sich hat, erfragten die Münchner Wochenanzeiger bei den Stadtwerken München (SWM).
Die kleinen Geräten sind Teil eines groß angelegten Projektes, das die Stadtwerke durchführen – zusammen mit der Technischen Universität (TUM), dem Landkreis München, der Energieagentur Ebersberg-München, dem Referat für Klima- und Umweltschutz der Landeshauptstadt München und der Energie-Wende-Garching. Es handelt sich um eine Seismik-Messkampagne im Rahmen des Forschungsprojekts Giga-M, mit dem „das geothermische Potential und seine synergetische Nutzung im Großraum München” gemessen werden, so die Website giga-m.de. Man will also herausfinden, wie Tiefengeothermie (Erdwärme aus Bohnungen ab circa 400 Metern, Anm. d. Red.) als Wärmequelle in genanntem Gebiet genutzt werden kann.
Mit den Ergebnissen der seismischen Messungen wird dann ein vollständiges 3D-Bild des tiefen Untergrunds im München und Umland erstellt. Dieses schafft eine gemeinsame Planungsgrundlage für Kommunen, Behörden und Geothermieprojekte in der Region. Denn damit die nachhaltige und klimaneutrale der Wärme aus dem Untergrund effektiv genutzt werden kann, sei das Zusammenwirken der Gemeinden nötig.
Das Projekt befindet sich momentan in seiner Halbzeit, wie SWM-Pressereferent Michael Silva erklärt: „Insgesamt sind es im gesamten Projektgebiet circa 40.000 Geophone gleichzeitig im Einsatz. Jeden Tag werden 2.500 davon eingesammelt, ausgelesen und danach wieder an einer anderen Stelle aufgestellt.”
Die Kästchen leisten zusammen mit sogenannten Vibrotrucks ganze Arbeit. Letztere sind Spezialfahrzeuge, die kontrollierte Schwingungen in den Untergrund abgeben. Diese Signale werden an Gesteinsgrenzschichten zum Teil reflektiert und anschließend von den Geophonen aufgezeichnet. Das aus der Auswertung entstehende hochauflösende dreidimensionale Modell des Untergrunds ist vergleichbar mit einem Ultraschallbild der Erde.
Die Messkampagne wird blockweise durchgeführt. Mehrere Messteams arbeiten parallel und bewegen sich von Messpunkt zu Messpunkt durch das Untersuchungsgebiet – im Moment machen sie im Münchner Norden und Osten Station. In den Landkreisen Dachau und Freising sowie Ebersberg und Erding finden dann die abschließenden Messungen statt. An jedem Messpunkt dauern die Arbeiten nur wenige Minuten und sind für die Anwohner meist nur als leichtes Vibrieren wahrnehmbar – vergleichbar mit einem vorbeifahrenden Zug oder einem Schwertransport. Alle Arbeiten sind vom Bergamt bei der Regierung von Oberbayern genehmigt.
Mehr als 50 Prozent der gesamten Energie, die in Deutschland verbraucht wird, fließen in die Wärmeversorgung. Die Wärmewende spielt also eine entscheidende Rolle beim Klimaschutz. Studien belegen, dass die Nutzung von Geothermie maßgeblich zu ihrem Gelingen beitragen kann, wie die Stadtwerke informieren. Diese CO2-freie und regionale Energiequelle entlaste nicht nur das Klima, sondern mache auch unabhängiger von Lieferketten und unsicheren Drittländern.
Im Großraum München seien die geologischen Voraussetzungen für die Nutzung der Erdwärme optimal. Die Energiequelle ist heißes Thermalwasser aus gut durchlässigen Kalksteinschichten, dem Malm. Um es zum Heizen nutzen zu können, wird es über Tiefbohrungen an die Oberfläche gepumpt und über Wärmetauscher geleitet, wobei ihm die Energie entzogen wird. Das abgekühlte Wasser wird über weitere Bohrungen in dieselbe Schicht zurückgeführt – ein nachhaltiger Kreislauf, so die SWM.
Derzeit wird das Thermalwasserreservoir im Großraum München von verschiedenen Betreibern bereits durch rund 50 Bohrungen mit einer thermischen Gesamtleistung von etwa 400 MW genutzt. Das noch verbleibende Potenzial wird auf mehr als 1.000 MW geschätzt.